Literatur lebt

Warum die Leipziger Buchmesse so erfolgreich ist

 

Fast 300 000 Menschen besuchten vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag die Leipziger Buchmesse. Ein Rekord. Das Buch als Medium ist lebendig wie eh und je, was sicher auch mit der Öffnung der Messe für alle Spielereien rund um Literatur zu tun hat.


In den Messehallen in Leipzig fällt zunächst einmal auf, dass sie von Anime-Charakteren aus One Piece, Naruto, Dragonball etc. von Star Wars-Helden und Schurken, von Drachen, Feen, Kriegern und vielen bunten Gestalten mehr bevölkert werden. Viele davon entstammen der Literatur. Geralt von Riva beispielsweise, der Hexer. Bekannt durch die Videospiele und die Netflix-Serie, aber ursprünglich eben ein Romanheld von Andrzej Sapkowski.


Die Literatur als Ursprung von Popkultur. Daher die Verbindung der Leipziger Buchmesse mit der Manga-Comic-Con. Das ist ein bisschen das Geheimnis der Buchmesse. Dass sie eben nicht streng literarisch bleibt, sondern sich einem breiten Publikum öffnet. Die sogenannte große Literatur gibt es ja auch. Sämtliche großen Verlage sind vertreten, dazu auch kleinere und Nischenverlage, die diese Chance nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen, und natürlich viele namhafte Autorinnen und Autoren.

 

 

So war beispielsweise das Mordsharz-Team aus dem Harz angereist, um einige Gäste des Festivals wiederzutreffen, und auch, um mit anderen über die diesjährigen Lesungen im Harz (vom 17. bis 20. September) zu sprechen. So beispielsweise Harzer Hammer-Gewinner Peter Grandl, der zur gleichen Zeit ein Treffen mit etlichen Buchbloggerinnen und Buchbloggern hatte.


Diese Vernetzungen sind es, die die Buchmesse für viele so interessant machen. So bleibt Literatur lebendig und so wird auch dafür gesorgt, dass die Buchbranche rein wirtschaftlich mehr Umsatz macht als Musik, Kino oder Streaming und in Deutschland mit knapp 10 Milliarden Euro Jahresumsatz nur von der Gaming-Branche getoppt wird.


Um noch deutlicher zu machen, was ich ausdrücken will, möchte ich euch noch einen Pressetext anhängen, den ich vor ein paar Jahren über einen Literaturwettbewerb geschrieben habe. Es ging um Beiträge für ein Buch, von denen einige auch mit einem Preis ausgezeichnet wurden. Jene Preisverleihung damals war das Gegenteil der Atmosphäre auf der Buchmesse und meinen Pressetext dazu haben mir manche lange übelgenommen. „Und dann ist der Spaß an Literatur gestorben“, hatte ich ihn betitelt:

 

 

„In den Medien sei häufig zu lesen, Literatur bewege nicht mehr, stellte Verleger B. bei der Preisverleihung des ersten Literaturpreises „...“ fest. Regional sei das allerdings anders, wie er an verschiedenen Projekten und Ausschreibungen, die er seit zehn Jahren initiiert und begleitet, ablesen könne. „Häufig haben wir zwischen 400 und 600 Einsendungen“, sagte er.


Bei der Ausschreibung für das Buch „...“ waren es immerhin mehr als 300 Beiträge, die die Jury zu beurteilen hatte, 60 davon wurden in die von R. herausgegebene Anthologie aufgenommen und acht am vergangenen Sonntag im Ratssaal mit Preisen bedacht.


Dass dieses Projekt ins Leben gerufen wurde, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Die Musik- und Kunstszene der Region sei vielseitig und sehr lebendig, „im Bereich Literatur haben wir noch Verbesserungsbedarf“, bemerkte der Bürgermeister und lobte daher die Initiative, auch wenn er selbst meist lieber leichtere Literatur lese und in diesem Sommer beispielsweise die Krimis von Roland Lange und Rüdiger A. Glässer verschlungen hätte.

 

 

Damit war schon einmal angedeutet, wo im breiten Literaturspektrum R. und B. ihr Buchprojekt ansiedeln. Ziemlich weit oben. Noch deutlicher wurde das bei der ersten Laudatio, die die Vorzüge des viertplatzierten lyrischen Textes in bedeutungsschwangeren literaturwissenschaftlichen Phrasen lobte und dem Buch wie auch der Veranstaltung damit das anscheinend nötige Gewicht verlieh. Leider war der Preisträger dann noch nicht einmal anwesend.


Auch die weiteren Laudationes klangen nicht weniger hochtrabend, oberlehrerhaft und damit auf manchen Zuhörer eher einschüchternd, statt Lust auf Literatur zu machen. Es wirkte, als müsse hier die Erhabenheit der Kunst demonstriert und bewusst von allzu profanen Texten abgegrenzt werden. Emotionale Tiefe wurde hervorgehoben, von aus Sprache geschaffenen Landschaften war die Rede und es machte den Anschein, als gehe es hier mindestens um Texte von Thomas Mann.

 

 

Der war allerdings unter den acht Ausgezeichneten – vier im Bereich Lyrik und vier im Bereich Prosa – nicht vertreten und überhaupt spiegelten die Texte diese unnahbare Schwere nicht wider. Einige von ihnen waren sogar humorvoll, auch wenn die Stimmung im Saal ein Lachen zu verbieten schien, und die meisten machten tatsächlich Lust auf das Buch. Grundsätzlich also doch ein Projekt, das zum Harz passt, Literatur mit regionalem Einschlag fördert und unterhaltsam ist?


Warum nur muss es dann so gekünstelt intellektuell und wahrlich abschreckend präsentiert werden? Soll am Ende etwa doch dafür gesorgt werden, dass Literatur nicht mehr bewegt, sondern nur einem elitären Zirkel vorbehalten bleibt? Selbst der eigentlich rührende Vortrag eines Gedichtes eines verstorbenen Teilnehmers durch seinen Urenkel wurde getrübt durch vorherige Anweisungen, wann das Publikum denn klatschen solle. Und auch die Musik der zweier Geigerinnen, deren einen Beitrag R. als „Die Chroniken von Ninja“ ankündigte, ließ den Schluss zu, dass manche Literatur dieses Rahmens würdig ist und andere eben nicht.


Sorry, aber so darf Literatur heute nicht mehr präsentiert werden und so sollte sich insbesondere auch der Harz nicht zeigen. Das ist schade für ein wirklich spannendes Projekt und schade für all die Autoren, die an diesem Wettbewerb teilgenommen haben und deren Texte es sicher wert sind, auch von einem breiten Publikum gelesen zu werden.“